Stephanie Sartison

Von Bambus und Tannenbäumen – Eine wahre Geschichte

Ein Buch über Orientierungslosigkeit und Wiederbeginn, über Fremde, die uns retten, und über die Frage, wie man lernt, sich selbst genug zu sein. Warm, klug, humorvoll und radikal menschlich.

Zusammenfassung

In der Ich‑Perspektive erzählt der Text von einer Frau, die sich in einer fremden Umgebung wiederfindet – körperlich geschwächt, emotional verunsichert und gezwungen, grundlegende Fragen nach Identität, Zugehörigkeit und Selbstwert neu zu stellen.
Ausgangspunkt der Erzählung ist eine existenzielle Ausnahmesituation, die in einem 24‑stündigen Irrlauf durch einen chinesischen Wald kulminiert. Von dort aus entfaltet sich eine Geschichte über Fremdsein, Kontrollverlust, innere Widerstände und den Versuch, sich selbst ernst zu nehmen – mit Schonungslosigkeit, Humor und Hoffnung.

Nach zwei heftigen Schicksalsschlägen reist die Erzählerin nach China – halb auf der Flucht vor sich selbst, halb auf der Suche nach einer neuen Version ihres Lebens.
Was als banaler Ausflug zu einem Bergsee beginnt, wird zu einer existenziellen Prüfung, als sie sich im dichten Bambuswald verirrt. Stundenlang wandert sie durch die fremde Landschaft und erst tief in der Nacht findet sie Licht – und mit ihm ein uraltes Ehepaar, das sie ohne ein gemeinsames Wort aufnimmt. Die beiden schenken ihr Tee, Suppe, Wärme und diese stille, bedingungslose Menschlichkeit, die sie nie erwartet hätte. In der Einfachheit dieser wortlosen Nacht erkennt sie plötzlich etwas, das ihr kein Arzt, keine Freunde und keine Liebe geben konnten: eine eigene innere Stimme. Eine, die nicht kämpft, nicht gefallen will, sondern einfach existiert.
Am nächsten Morgen macht sie sich verändert auf den Weg zurück – nicht nur ins Hotel, sondern in ein anderes Leben: mit einer neuen Haltung zu Verlust, zu Angst, zur Liebe und zu sich selbst.


Tag 1


Ich frage mich, ob man auf einem Bambusbaum schlafen kann. Wie würde man da überhaupt hochklettern? Wie viel Last trägt so ein Baum? Vermutlich könnte so ein Ding höchstens diese dürren Hollywood-Weiber aushalten, die, wie mir gerade klar wird, einem Bambus erstaunlich ähnlich sind: lang und innen hohl. Ja, wenn ich so eine Figur hätte, könnte das etwas werden mit dem Überleben. Ich habe aber nicht die Figur eines Hollywood-Bambus. Ich bin eher der Typ Affenbrotbaum. Naja, vielleicht übertreibe ich es ein wenig, aber ich übertreibe wenig genug, dass ich den Versuch, an einem Bambus hochzuklettern, wieder verwerfe und wie gehabt horizontal statt vertikal weitergehe.
Obwohl ich seit Stunden hier durch den Wald umherirre, beginne ich erst jetzt, im Einsetzen der Dämmerung, meine Umgebung genauer zu betrachten. Ich sehe nur Bäume, überall. Ich sehe sogar erstaunlich wenig Bambus, sondern eher ganz gewöhnlichen europäisch anmutenden Mischbestand. Vor einiger Zeit habe ich den eigentlichen Fußweg verlassen und begonnen, querfeldein zu laufen. Ich sollte lieber sagen „querwaldein“, denn das hier ist kein Feld, sondern eher ein Dickicht, das langsam anfängt, mir den Verstand zu rauben. Seit Stunden, so scheint es, versinke ich immer mehr in das dunkle Geflecht aus Büschen und Bäumen und Hügeln. Ein Labyrinth aus Natur, das mich erbarmungslos verschlingt.
Beruhigend ist nur, dass sich das Nicht-mehr-Herausfinden vertraut anfühlt. Ich weiß, wie es ist, wenn man die Hoffnung verliert und man trotzdem weitermachen muss – weil man weitermachen will.
Das Licht färbt sich immer mehr in ein wunderschön warmes Rosa. Ich laufe einen Hügel oder Berg hoch, ich kann solche topologischen Unterschiede nicht mehr wahrnehmen. Mit der schwindenden Kraft in den Beinen schwindet auch das Gefühl von Steigungen. Ob Hügel oder Berg, ist im Grunde auch egal. Zu meiner linken Seite habe ich immer mal wieder einen Ausblick auf eine kleinere Tiefebene. Trotz steigender Panik (die sich antiproportional zu der Kraft in meinen Beinen verhält) schaffe ich es, innezuhalten und zu genießen, was ich sehe. Das Licht bricht durch das dichte Grün, es sind unendlich viele Farben, eine visuelle Explosion. Akustisch herrscht das Gegenteil: Um mich herum ist absolute Stille. Für ein paar Minuten macht sich Frieden in mir breit, ein Nicht-Weiter-Wollen, ein Es-ist-gut-hier-Gefühl. Das Gefühl trägt mich weg aus diesem Wald, aus der Orientierungslosigkeit und Einsamkeit, und katapultiert mich zurück ins Krankenhaus. Um mich herum mehrere Ärzte und Pfleger, die alle an mir herumfummeln und Dinge rufen und hektisch sind. Ich kann meine Umgebung kaum wahrnehmen, weil mein ganzer Körper juckt und brennt und weil ich nicht mehr atmen kann. Ich versuche so sehr, zu atmen, aber es kommt keine Luft durch. Die Ärzte versuchen mir zu erklären, dass ich einen anaphylaktischen Schock habe. Vermutlich von der Blutkonserve, die durch einen Schlauch direkt in meine Hauptschlagader eingeleitet wurde, um mich am Leben zu halten. Diese Blutkonserve verdient die Note ungenügend, denn statt ihre Aufgabe zu erfüllen, spüre ich, wie der Sauerstoffmangel immer mehr meine Sinne trübt und alles um mich herum seltsam langsam wird. Das Einzige, was ich noch bewusst wahrnehme, ist Mama. Mama, meine sonst so hektische und überdrehte kleine Mama, steht neben mir und ist ganz ruhig. Alle um mich herum reden wirr und fangen an, das Bett zu bewegen. „Intensivstation“ oder irgendwie so etwas wird mir erklärt. Mir ist das alles egal. Ich möchte eigentlich nur, dass dieser Druck in meiner Lunge weggeht, und versuche deswegen, noch mehr und noch zwanghafter Luft zu bekommen. Aber nichts hilft, es wird nur schlimmer. Ich merke, dass ich bald das Bewusstsein verlieren werde, ich kenne das Gefühl mittlerweile sehr gut. Doch ich möchte hierbleiben, ich kann jetzt nicht weg. Ich muss mich auf etwas konzentrieren. Alles um mich herum ist zu hektisch und entgleitet mir sofort, also konzentriere ich mich auf Mama, die immer noch ganz ruhig neben mir steht und mich ansieht. „Immer atmen“ sagt sie. Zwei Worte, eine Bewegung, so leicht, so vertraut. Und plötzlich so unfassbar schwierig. Vor ein paar Minuten musste ich nicht einmal darüber nachdenken, wie das Atmen funktioniert, mein Körper war ein sehr selbstständiger Atmender. Ich spüre, wie ich wütend werde auf meinen Körper, der sich entschieden hat, mir das Atmen zu verwehren. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, meinen Geist, den ich „Ich“ nenne, und meinen Körper als eine Person zu betrachten. In Momenten, in denen selbst das Atmen schwerfällt (und davon gab es einige in den letzten Wochen), muss ich mich jedoch wirklich zusammennehmen, meinen Körper meinem „Ich“ zuzuordnen, weil er ja scheinbar nicht im gleichen Team sein möchte. Da ich aber weiß, dass Gegeneinanderarbeiten vor allem in solch brenzligen Situationen niemandem hilft, vor allem nicht meinem Körper, versuche ich als Friedensangebot wenigstens dem Hyperventilieren zu widerstehen.